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Empfehlungen für alle gleich? Moderat?

Jedem neuen Arzt, jeder neuen Ärztin bringe ich seit der Diagnose einen Packen Untersuchungsberichte mit und beantworte geduldig die Fragen, lasse mich untersuchen und bekomme erst danach Hinweise/Empfehlungen/Therapien/Rezepte. Die Empfehlung zu einem moderaten Ausdauertraining bekomme ich meistens ungefragt, ohne Anamnese. Wieso?

 

Das Verfahren der  wissenschaftlichen Forschung ist genau vorgegeben, damit keine Zweifel an den Ergebnissen entstehen können - und somit eine langwierige und überdies kostspielige Sache. Die Krux dabei - für solche Studien bedarf es einer Standardisierung! Und das Ergebnis spiegelt den Standard wieder. Wo bleibt dabei die immer mehr gepriesene Individualisierte Therapie in den Bewegungs- und Sportempfehlungen?

 


Methoden und Erfahrungen von Praktikern gelangen nur selten auf dem direkten Weg in die Höhen der Wissenschaft. Die Trainingsform Treppenlaufen hat es noch nicht in den Elfenbeinturm geschafft! Solange nicht alles durch randomisierte Doppelblindstudien usw. gesichert ist, lehnen sich, mit unserer Rechtslage, verständlicherweise nur wenige Wissenschaftler aus dem Fenster.

 

Bleibt also nur die moderate Empfehlung?

 

Versuchen wir den Begriff einer moderaten, gesunden Bewegung mit Zahlen zu hintermauern, finden wir eine ganze Reihe an Studien zu Umfang und Intensität. Die WHO empfiehlt mindestens 2,5 Stunden gemäßigte Bewegung pro Woche, andere Veröffentlichungen bewegen sich in einem ähnlichen Rahmen. Sportlich Aktive kalkulierten bisher diese Zeitspanne für das Auf- und Abwärmprogramm ein. Mit den 2,5 Stunden bleibt diese Empfehlung für die Praxis zu allgemein. Sie animiert die wenigstens, überhaupt aktiv zu werden, andere fühlen sich durch vage Hinweise eher verunsichert.

 


Ein weiterer, gerne gegebener ärztlicher Tipp ist, sich mehr zu bewegen. Mehr als was? Darf es demnach trotz Krankheit etwas mehr Bewegung und Sport sein? Gelten die moderaten 2,5 Stunden womöglich nur für Einsteigerinnen? Was, wenn 2,5 Stunden Spazieren bisher nur Ihr Familienprogramm am Sonntag ausmachten?

 

Und schon entwickelt der Begriff moderat einen Duft von Moder! Die Zweifel sind wiederum da! Ohne konkrete Informationen bleibt die Bezeichnung ‚moderate Bewegung‘ unklar und fördert nicht die Umsetzung in ein Bewegungsprogramm.

 

Bereits in der Primär-Prävention entstehen vor allem Fragen. Jetzt kommt noch eine Krankheit hinzu, Sie möchten aber trotzdem fit bleiben oder erneut fit werden. Mit ‚moderat‘ oder ‚mehr‘ können Sie in dieser Situation erst recht wenig anfangen!

 

Was bleibt, wenn sie nicht das Glück haben in der Nähe der bereits angesprochenen Trainingszentren zu leben?

 

Als Tumorkranke können und wollen Sie sich verständlicherweise nicht auf die lange Bank schieben lassen. Durch die veröffentlichten Therapieerfolge zu Sport und Krebs wollen Sie zu Recht rascher Bescheid wissen, wie Sie in der Prävention, während der Erkrankung oder danach aktiv sein können.

 


Einfach drauflos sporteln ist genauso wenig eine Alternative. Die Auswirkungen von zu viel Sport oder falscher Intensität auf einen angeschlagen Körper sind schwer vorhersehbar.

 

Sport und Krankheit ist und bleibt eine Gratwanderung. Es gibt kein Rezept, auf dem Sie die für Sie optimale sportliche Belastung in der Apotheke abholen können.

 

Rezepte gibt es allenfalls für Rehagruppen. Diese bilden in vielen Fällen nur die Basis, die Pflicht, um die Erfahrung im Umgang mit dem veränderten Körper zu lernen. Jedoch die Kür, so wie Sie ganz individuell Ihren Sport betreiben möchten und können, bringt den größten Erfolg. Den körperlichen, ebenso wie den seelischen Gewinn, gesund und mit Wohlbefinden leben zu können! 86400 Sekunden an jedem Tag!

 

Leistungssportlerinnen haben ihre persönlichen TrainerInnen und ein Ärzteteam, die sie genau kennen. Sie sind mit einer Erkrankung in einer ähnlichen Situation, einem Wettkampf, in dem es um sehr, sehr viel geht. Sie benötigen in gleichem Maße wie Wettkampfsportlerinnen die beste Unterstützung, um den Krebs zu besiegen!

 


Und trotz Rückendeckung durch andere Menschen – den Lauf zur Gesundheit kann man genauso wenig wie im Leistungssport, delegieren. Ein nötiges Quantum an Selbstverantwortung übernimmt man selbst - wie überall, nur dann stellt sich ein Erfolg ein. Auch die besten Empfehlungen sind nur Ratschläge, Tipps. Die Tumorerkrankung ist Schicksal, aber alles andere – jetzt - ist Entscheidung. Sie können nur selbst beurteilen, ob es Ihnen damit gut geht, ob Sie sich wohlfühlen. Genauso ist dieser Blog zu lesen. Erlangen Sie ein Grundwissen zu Sport und Bewegung mit Brustkrebs und klären Sie in Rücksprache mit Ihren Ärzten, was zu Ihnen passt, was Ihnen förderlich ist, Sie auf Dauer motiviert. Entwickeln Sie den Ehrgeiz zu Wohlbefinden und Lebenslust. Sehen Sie Ihre persönliche Bewegungsvorstellung, Ihren mit Begeisterung ausgeübten Sport, als Ausdruck einer positiven Lebenseinstellung. Damit formen wir uns, bahnen die Zukunft. Es tut der Seele gut.