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7 dunkle Jahre überstehen?

Foto: Heike Tharun

7 Jahre!

Ein Moment zum Nachdenken, und im positiven Fall zum Feiern.

 

Und wie feiere ich das Leben?

 

 

Ich stehe freiwillig um 4:45 Uhr auf, und fahre mit dem Zug nach Mainz. Da das Zugfahren mit den ganzen Ausfällen im Moment nicht lustig ist, gehört eine beträchtliche Gelassenheit dazu, die lange Wartezeit zum Anschlusszug nach Kirchheimbolanden zu überbrücken – so früh am Sonntagmorgen! Wenigstens ist der Zug pünktlich und inzwischen sind wir zu zweit. Es war Heikes (www.heimatwandern.de) Idee mit der Querfeldeinwanderung von Kibo nach Bad Kreuznach.

 


Nur, wir haben den Start nicht erreicht! Zur Zeit muss man beim Bahnfahren sehr flexibel sein, sogar wenn man bereits im Zug sitzt, gibt es immer wieder Überraschungen. Also checkten wir am Alzeyer Bahnhof kurz die Karte! Okay, kilometermäßig ist es etwa die gleiche Entfernung, warum nicht von hier losgehen?

 

Heike peilte uns mit dem Kompass ein und wir stiefelten zügig los, um von den Straßen wegzukommen.

 

 


 Der Himmel, im Gegensatz zur letzten Woche, bewölkt bis ziemlich dunkel, mit angenehmen Wandertemperaturen. Es klappte prima, wir gehen in etwa das gleiche Tempo. Haben genügend Luft, um uns zu unterhalten, aber ebenso die Ruhe auf den Feldern und Hügeln, hier Hiwwel genannt, die weiten Blicke unter den tiefhängenden Wolken zu genießen. Vögel fliegen auf, etliche Rehe springen uns über den Weg, ganz selten begegnen uns Menschen. Gelegentlich kommen wir an Wanderwegweisern vorbei, doch wir halten uns an den Kompass. Treffen auf Küstenwege mit Meerblicken, begutachten Brandungswellen in Felsen bei Eckelsheim. Da die Mähdrescher bereits Stoppelfelder hinterlassen haben, können wir die eine oder andere Abkürzung nutzen, oder drücken uns an Weinbergen vorbei, weil wir da unten wieder einen Weg vermuten.

 

 


Es macht Spaß, sich mit dem Kompass einen entfernten Punkt festzulegen, den kürzesten, gangbaren Weg zu finden. Nur zweimal mussten wir ein kurzes Stück zurück, weil es einfach nicht weiterging. Sonst tat sich fast immer eine unvermutete Lücke auf. Eine optimistische Einstellung ist also von Vorteil. Da habe ich sie, die Parallele zur Bewältigung der Krebserkrankung!

Ohne meine hoffnungsvolle Einstellung hätte ich mir am Ende der Chemotherapie, mit gleichzeitiger Herceptininfusion nicht vorstellen können, wieder so intensiv wandern zu können. Heute sogar mit einem für mich relativ schwerem Rucksack, da ich allein 3l Wasser dabei hatte ... und eine Regenjacke!

 

 


Zum Glück! Kurz vor Neu-Bamberg erwischte uns die (lauwarme) Dusche. Ein Wolkenbruch vom Feinsten, mit dem Resultat, dass wir trotz Regenjacke nass bis auf die Haut wurden, da das Wasser wirklich überall rein lief, an den Beinen entlang sogar in die Schuhe, wo es sich sammelte und wir quatschend weitergingen. Es war nicht kalt, und so schüttelnden wir uns nach dem Regen wir Hunde, Heike leerte ihre Schuhe und wrang ihre Socken aus, unserer Stimmung tat es keinen Abbruch. Auf den letzten Kilometern trocknete zumindest auf den ersten Blick unsere Kleidung etwas ab. Wir konnten uns zwar mit vermatschten Schuhen ( ja na, die Waden waren auch nicht mehr blütenrein) den Blicken der Bad Kreuznacher stellen.

 


Nach so einer Tour fühlt man sich natürlich etwas müde, aber lebendig, geradezu quicklebendig und erfolgreich.

 

7 dunkle Jahre? Einzelne Tage, wenige Wochen okay, sogar rabenschwarze Nacht! Aber bedeutend mehr, wie der »helle Schein«. Der Sport, die Bewegung halfen und helfen mir immer noch mit der rosa Schleife zu leben! Bestimmt aus medizinischer Sicht, aber noch mehr psychisch, emotional. Die wunderbaren Erlebnisse beim Wandern in meiner Umgebung, in den Alpen und im Himalaya, die Sonne in den Speichen beim Radfahren, die Bewegung in der Natur sind gleichzeitig Genuss, Leben und Therapie.

 


Übrigens bin ich in den letzten 7 Jahren über weit mehr wie 7 Brücken gewandert, spaziert, gelaufen. Es dürften tausende gewesen sein. Angefangen von einem Baum oder Brett über ein kleines Rinnsal, über die Nahebrücke im Alltag, bis zu langen Hängebrücken über reißende Flüsse im Himalaya. Verbindungen zu Neuem und Zukünftigem.