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Mal was Neues angehen!

Im Angesicht der Felsen wird mir einmal mehr bewusst, wie man sich im Krankheitsfall und Alterungsprozess, oft unnötig viel einschränkt. Doch wo ist die Grenze zwischen Notwendigkeit und allzu vorsichtig? Krankheit, Operationen, Medikamente, Schmerzen, ein ärztlicher Rat, bremsen uns aus, manchmal ist das Bett oder das Sofa der richtige Ort – das meine ich nicht. Sondern den Mangel an Vertrauen in die Leistungsfähigkeit des eigenen Körpers, sobald irgend etwas anders ist, als sonst.

 Auch ohne Krankheit, im normalen Alterungsprozess ist man schnell bei der Hand mit: »Das geht in meinem Alter nicht mehr« oder »Da bin ich zu alt für«. »Die Treppe steige ich nicht mehr runter! Ist mir zu steil, zu lang, zu gewendelt,...« Aber was geschieht dann mit uns? Setze ich mir selbst ein unnötiges Verbot?


Das passiert im Kopf, noch gravierender sind die Folgen in den Körperfunktionen. Der Körper verlernt es, eine gewendelte Treppe ohne Handlauf hinunterzugehen. Er verlernt es, einen langen Schritt über ein Graben zu machen, auf der Bordsteinkante zu balancieren, eine Leiter hinauf zu klettern, über Kopfsteinpflaster und Pfade zu gehen, etwas hochzuheben, sich zu bücken, längere Strecken zu wandern, Rad zu fahren, einen Ball zu fangen. Das könnte ich endlos fortführen. Alles Dinge, die wir in unserem Leben einmal gemacht haben. Die Erfahrung ist irgendwo versteckt. Der Körper wird sich dran erinnern, bei dem einen schneller, beim anderen bedarf es mehr Versuche bis es klappt, und manches geht wirklich nicht mehr. Doch wenn es gelingt, werden Muskeln wieder aktiviert, der Bewegungsradius erweitert sich, mit mehr Beweglichkeit erreiche ich mehr, kann flexibler auf Hindernisse im Alltag reagieren, bin unabhängiger von der Hilfe durch andere Menschen.


In einer nächsten Stufe lernt man neue Bewegungen. Damit bin ich wieder zu dem Auslöser meiner Gedanken zurückgekommen, den Kletterfelsen. Da blitzte es in mir auf. Nach Operation und den Therapien hatte ich Probleme mit der Koordination der linken Körperhälfte. Die Trittsicherheit im unwegsamen Gelände fehlte mir, Joggen war frustrierendes Gewackel, an der Puste haperte es sowieso. Im Laufe der Zeit nach der Therapie ging es Schritt für Schritt wieder aufwärts, kleine Wanderungen, steilere Pfade, den ersten (leichten) Gipfel in den Alpen, Himalayatrekking, einfache Klettersteige und jetzt? Klettern? War bisher nie Thema. In meinem Alter?! Wenn ich mir die leichteren Routen so anschaue. Interessant wäre es schon. Gibt doch Sicherheit! Trainiert meine operierte Seite!


Doch wie erkenne ich die Grenze zwischen vernünftig/realistisch oder Überforderung? Eigentlich nur wenn ich es im aufsteigenden Schwierigkeitsgrad probiere. Vom Leichten zum Schweren, vom Bekannten zum Unbekannten. Dazu bedarf es zuerst noch nicht einmal eines Kletterfelsen, sondern nur die Spielplätze der Umgebung.
Im letzten Jahr hatte ich mich im Winter ein paar Mal versucht. Morgens im Dunklen (genau, damit mich niemand sieht!), auf dem Weg zur Arbeit. Doch meist waren die Hände zu kalt, die Holzbohlen zu glatt. Und somit schlief es bei mir wieder ein.

Einzelne wärmere Tage gibt es jetzt bereits, an denen ist mein Körper von Haus aus beweglicher, die Hände und Füße sind warm. Keine Entschuldigung mehr und wenn ich zuerst nur an den Kletterseilen und -wände hänge, jeder Zentimeter nach oben wird zum Erfolgserlebnis. Getreu den bereits genannten methodischen Prinzipien.


 

 

 

 

Und sobald die Eisen nicht mehr kalt und nass sind, ist der Mittelrheinklettersteig wieder dran. Ausprobieren, wie schaffe ich es, geschmeidiger und trotzdem sicher nach oben zu steigen?


Die in der Sonne blitzenden Haken der Kirner Felsen haben in mir Funken geschlagen!


Das gibt Auftrieb. Ich merke, abgesehen von dem normalen Alterungsprozess, haben mich die letzten Monate körperlich immer mehr eingeschränkt. Vieles ist halt so, bin nun mal keine 30 mehr. Trotzdem kann ich etliches wieder in Schwung bringen oder einen neuen Impuls setzen, davon bin ich überzeugt. Dazu braucht es Zeit und ein um sich selbst kümmern. Auf sich, auf den Körper hören, die Ruhephasen und Entspannungszeiten erlangen immer wertvollere Bedeutung in meinem Leben. Nur wenn ich diese dem Alter und den Folgen der Erkrankungen angepasst beachtet, kann ich auch körperlich noch was erreichen, Herausforderungen annehmen und neue Wege gehen.


Danke, Heike Tharun, für den Tipp mit den Kirner Felsen!