Hildegard- Pilgerwanderweg

Gedankenspiele

Pilgerwandern? Von Kirche zu Kirche gehen? Lag mir bisher fern. In der Umgebung meines Wohnortes gibt es eine Reihe attraktiver Fernwanderstrecken, die ich noch nicht alle oder nur zum Teil gewandert bin. Die letzte Etappe des Hildegardpilgerwanderweges von Stromberg nach Bingen ist natürlich interessant, obwohl ich einen großen Teil bereits kenne. Liegt eben vor meiner Haustüre. Und ist ganz neu, die Farbe der Logos ist noch frisch.



Also fuhr ich im März mit dem Bus nach Stromberg und startete die Tour original an der Kirche St. Jakobus – richtig, hier geht auch ein Camino vorbei - mit der für mich ersten Infotafel. „Ende der Zeiten“. Das fängt gleich gut an. Egal, ich möchte in erster Linie die Strecke wandern, die Infos nehme ich mit, da ich mich für mittelalterliche Frauengeschichte interessiere und die Religion steht  im Mittelalter nun mal im Zentrum des Lebens. Durch die Altstadt von Stromberg durch, die Unwetterschäden von vor 2 Jahren sind nicht mehr zu sehen, am Friedhof vorbei und dann geht es aufwärts, unter der Autobahn durch, Richtung Warmsroth. Endlich komme ich auf freies Feld, auf der Hochfläche des Soonwalds. Von weitem erblicke ich die kleine Kapelle St. Pankratius in Wald-Erbach. Eine Frau in Reitkleidung fragt, ob ich auf dem Pilgerweg unterwegs sei. Sie überlege, einmal die ganze Strecke zu wandern. Das läuft in meinem Kopf rund. Noch keine 10 Minuten weiter, am Waldrand, mit Blick über den Hunsrück, bohrt sich der Gedanken fest. Warum nicht? Wäre doch was, oder? Den mittleren Teil kenne ich, im ersten Teil verläuft der Saar-Hunsrück-Steig, der Soonwaldsteig wird gekreuzt. Hört sich jedenfalls vielversprechend an. Es pfeift ein kalter Wind und deswegen fiel gleich die Entscheidung, aber nur im Sommer. Der Gedanke reifte auf dem Weg durch den Binger Wald bis nach Hause, Optionen wurden gewälzt und zuhause am PC sofort weitere Informationen eingeholt.  Die Urlaubstage zählen - da ich im Oktober 3 Wochen nach Nepal reise, ist mit allen anderen Plänen maximal 1 Woche drin. Zeitlich am besten im August.


Nun ist August. Ein sehr heißer August. Und ich stehe  in den Startlöchern für den Hildegardpilgerwanderweg.  137 km von Idar-Oberstein nach Bingen und noch einen Sprung über den Rhein. Und wie es aussieht bei Temperaturen um/über 30°C. Warum denn in die Ferne und den Süden schweifen, wenn das Gute liegt an der Nahe?

Und warum gerade den Hildegardpilgerweg, der neu und noch relativ unbekannt ist, und damit noch nicht die Spuren und Energien bereithält, die durch Schritte vieler Pilger entstehen?

Abgesehen davon, dass ich gerne Spuren lege, ist er bei mir in der Nähe und ich kann ihn bequem in einer Urlaubswoche erwandern. Ohne Anreise- und Abreisetag. Ich kenne weite Bereiche der interessanten Mittelgebirgslandschaft, die sich auf 137 km immer wieder verändern wird, zwischen den Wäldern und Feldern des Hunsrücks und den schroffen Felsen, sanften Hängen und Weinbergen des Nahetals.

 

Auf und ab, Pfade, Forstwege, Feldwege, Treppen, Straßen durch Ortschaften, da ist es wichtig einen Rhythmus zu finden - wenn man alleine geht, fällt das etwas leichter. Bis jetzt ist nur die erste Übernachtung fest geplant. Ansonsten möchte ich auf meinen Körper hören, wie verträgt er die hohen Temperaturen, den Staub und die Sonne auf den waldfreien Flächen.

 

Spannend wird der Disibodenberg, mit den Ruinen des Klosters, indem  Hildegard 40 Jahre lebte. Es wird der erste Besuch nach meiner Erkrankung sein. Vor der Diagnose erlebte ich die unterschiedlichsten Stimmungen und körperliche Reaktionen an diesem besonderen Ort, egal ob ich beruflich mit einer Gruppe oder privat, die verfallene Klosteranlage und den Landschaftspark erkundete. Ich bin neugierig und offen, was kommt.

 

Es wird für mich eine noch nicht erlebte Art von Wandern sein. Pilgerwanderungen wirken anders, unabhängig, ob unter einem mehr religiösen, spirituellen oder „nur“ sportlichem Aspekt. Man kann sich kaum der Besonderheit entziehen.

 

Lama Anagarika Govinda beschrieb vor ca. 70 Jahren die Pilgerwanderung um den Kailash/Tibet als ein „überpersönliches Erleben, das weit über die individuellen Anschauungen und Gefühle hinausging und unser Bewusstsein auf eine höhere Ebene der Wahrnehmung und Erlebnisfähigkeit erhob.“

 

 Liegt es daran, dass es für alle PilgerInnen nicht nur derselbe Weg ist, sondern sich Schritt für Schritt eine gemeinsame Gedankenwelt bildet, oder zumindest große Überschneidungen? Ist das der Unterschied? Ich werde es erleben.

 

Ich werde unruhig, wie ein Rennpferd vor dem Start.

Als Investition für den Hildegardweg kaufe ich mir noch einen großen Strohhut und suche meinen Fächer. Es wird eine heiße Tour. Spannend. Ich freue mich darauf.