Etappe 1  Idar-Oberstein - Herrstein


Ich habe Urlaub im August und es ist nicht nur warm, sondern für die ganze Woche heiß gemeldet. Gut, dass ich mich gegen die Zeltübernachtung entschieden habe, denn 2,5 Kilo muss ich mindestens für Wasser reservieren. Dafür brauche ich fast nichts an Kleidung, eine kleine Tube Handwaschmittel ersetzt viel Gewicht. Mein Umfeld reagiert zwiespältig, von wohlwollendem Neid bis „du bist doch verrückt. Bei diesen Temperaturen und dann noch allein!“



Die erste Übernachtung ist reserviert, denn die Startetappe werde ich nach Empfehlung wandern. Von Idar-Oberstein nach Herrstein. Gut 20 km mit 815 Höhenmeter hören sich auch für mich anspruchsvoll an.  Also sitze ich um 6:50 Uhr in der frühestmöglichen Zugverbindung nach Idar-Oberstein. Das wird wohl der einzige kühle Platz am heutigen Tag bleiben. Am Vortag stand ich noch voller Vorspannung, doch mit dem Rucksack auf dem Rücken fühle ich mich locker und bin bereit loszumarschieren. Immer noch die Aussage von Lama Anagarika Govinda im Kopf, dass das Pilgern ein „überpersönliches Erleben darstellt, …“


Mit der Bahn fahre ich in Sichtweite meines Brustkrebszentrums vorbei. 15 Monate musste ich regelmäßig dorthin „pilgern“. Trotz allem, mir eigenem Optimismus, hätte ich mir nicht vorstellen können, wieder rucksackbeladen meine Kreise ziehen zu können. Diese schwere Zeit ist vorbei, das Leben spielt sich wieder in genussreicheren Dimensionen ab. Blick weg vom Krankenhaus nach vorne!


 In Idar-Oberstein ein kleiner Dämpfer, alles ausgestorben und verriegelt, nur einige Edelsteinhändler beginnen müde die Verkaufszelte in der Fußgängerzone zu bestücken. Noch kein Café offen. Die Touristeninformation bleibt den ganzen Sonntag geschlossen. Also bekomme ich keinen Startstempel in meinen Pilgerpass. Vor der Felsenkirche stehe ich ebenfalls vor zugesperrtem Gitter. Touristen steigen erst später am Tag die Stufen hinauf! Und WanderInnen?

Also weiter geht‘s, noch viele Stufen, wenigstens wird es zunehmend schattiger, trotzdem tropft mir der Schweiß. Zum Glück habe ich meinen Nuckelschlauch an der Wasserflasche und dem Rucksack befestigt. Heute heißt es trinken, trinken, trinken.


Der Hildegardpilgerwanderweg nutzt im ersten Teil die Traumschleife Nahe-Felsenweg, ist nur ein Pfad und verlangt zum Teil Trittsicherheit. Auf dem kleinen Schotter, die ich wohlwollend Rolling Stones nenne, und der losen Erde kommt man leicht ins Rutschen. Steilere Passagen sind mit einem Seil gesichert, kein Drahtseil wie üblich und auch nur an Bäumen befestig. Kurz dran gerüttelt, es scheint zu halten. Als mittelrheinverwöhnte Wanderin reißen mich die Aussichtspunkte auf Idar-Oberstein und diverse Industriegebiete nicht vom Hocker. Für mich sind die vielen Stufen auf dem Pfad interessanter, in allen Variationen, ein echtes Training für meine Nepalreise im Herbst. Und es geht stufig weiter, nun auf einer Passage des Saar-Hunsrücksteig, mehr auf, weniger ab, gefühlt keine 50m eben. Trotzdem finde ich mich nochmal ganz unten an der Nahe, also muss es wieder die ganze Höhe und noch mehr bergauf gehen. Aber wenigstens weitgehend im Waldschatten. Dazu weht ein für die Hitze überraschend erfrischender Wind. Nach Fischbach lockert sich der Wald auf und mein großer Strohhut kommt zum Einsatz.



Eine Fülle an Informationen säumt den Weg. Ich wandere ab jetzt auf dem Kupfer-Jaspis-Pfad. Im ausgehenden Mittelalter wurde das Kupfer hier unter Tage gewonnen, mit allen Unglücken, die es in den noch wenig gesicherten Stollen gab. Überhaupt verläuft die Hildegardtour auf geschichtsträchtigen Spuren, sogar aus der Vorzeit der mittelalterlichen Prophetin. Ganz in der Nähe bei Kirn-Sulzbach, entdeckte man die ältesten Reste einer keltischen Burganlage, das Gebiet ist somit bereits seit 2500 Jahren besiedelt. Werde ich mir für Zukunft merken, es gibt in der Region viele Wanderwege.


Alles sehr interessant, doch bei mir fangen langsam die Gedanken um etwas anderes zu kreisen – Wasser - ob mein Vorrat ausreicht?  Bald ist der Punkt erreicht, dass ich innerlich (nicht echt!)stöhne, weil es wieder bergab geht, das Ziel der Etappe liegt oben, also muss es erneut bergaufgehen. Es kann nicht mehr weit sein und langsam interessiert mich die Hildegardgeschichte weniger als die Vorstellung eines alkoholfreien Biers oder Radlers. Endlich geht es ein letztes Mal bergab, aber diesmal weiß ich, da unten, in der Senke, liegt der mittelalterliche Ort Herrstein, mit Café und einem Bett für mich.


Ein Plätzchen im Schatten ist noch frei. Zuerst ein Bier und dann einen Kaffee und Kuchen. Die Reihenfolge werde ich wohl bei den gemeldeten Temperaturen in den nächsten Tagen beibehalten. Danach stelle ich meinen Rucksack im Zimmer ab und drehe noch einen kurze Runde durch die kleinen Straßen mit den alten Fachwerkbauten. Duschen,  ein Radler, Essen, ein Radler, Bett, Schlafen. Abgesehen vom Start, bin ich sehr zufrieden und schlafe in der ungewohnten Ruhe des Dorfes schnell ein.