Etappe 4                                    Staudernheim - Waldböckelheim


Disibodenberg! Fährt man mit dem Zug vorbei, sieht man einen kleinen, runden Berg, zum großen Teil bewaldet, im unteren Drittel erblickt man ein Hofgut. Ruhiges Landleben! Von Ruinen nichts zu sehen. Spricht man aber mit Menschen aus der Gegend oder die den Disibodenberg bereits kennen, weiten sich die Augen und die Sprache wird emotional. Was hat der Berg, was andere Anhöhen mit Ruinen nicht haben?

 

Zuerst hat dieser Berg eine Ehrengard Freifrau von Racknitz, die dieses Gelände als 21 jährige in den 50er Jahren erbte. Sie befreite es wie ein Dornröschenschloss von Gestrüpp und Hecken, steckte viel Geld hinein, und gründete die Scivias-Stiftung. Erst etliche Jahre später begannen die offiziellen, archäologischen Grabungen. Mit dem Hildegardboom Ende der 90er des letzten Jahrhunderts wurde der Berg bekannter. Zahlreiche Menschen, auch aus dem Ausland, pilgern seitdem zu diesem Ort, nehmen die besondere Atmosphäre auf, besuchen das kleine Museum.

 


Ich bin heute noch dankbar, dass ich vor über 10 Jahren Frau von Racknitz kennenlernen durfte. Sie zeigte mir persönlich den Disibodenberg, mit Anekdoten aus ihrer Anfangszeit gewürzt. Ich war zu meiner Bad Sobernheimer Zeit sehr oft dort, allein oder auch beruflich mit Gruppen. Es fühlte sich jedes Mal anders an, aber immer intensiv. Nun nähere ich mich ihm zum ersten Mal nach meiner Erkrankung, fühle mich aber gleich wieder von ihm positiv angezogen.

 

Ich gehe flott nach oben, da sich bereits Autos auf dem Parkplatz sammeln und habe die Ruinenfläche wirklich fast eine halbe Stunde für mich. Es ist noch fast alles genauso wie vor rund 7 Jahren, ein paar Bäume fehlen, jüngere Ausgrabungen entdecke ich nicht. Die besondere Atmosphäre nimmt mich aufs Neue gefangen. Sind es die imposanten Ruinen? Das geschichtliche Interesse? Oder besondere Energie-/Kraftfelder? Alles nur esoterisches Gerede oder ist was dran? Egal, die Zeit bleibt stehen, bei jedem Besuch fühle ich mich dort außerhalb des Alltags, meines normalen Lebens. Fasziniert von einer anderen Welt.

 


Erstaunt stelle ich beim Abstieg zur Nahe fest, dass ich doch anderthalb Stunden über das Gelände geschlendert bin. Jetzt heißt es wieder den Gehrhythmus finden, durch Odernheim durch, den nächsten Berg hinauf auf die Hochfläche von Duchroth. Der Blick wandert noch einmal zurück, die neue Kapelle auf dem Disibodenberg breitet die Arme aus.

 



Ganz ungewohnt, die Hitze von gestern ist verschwunden, auf der Höhe pfeift sogar ein frischer Wind. Ich schaue nach Norden und erkenne im Dunst die Taunusberge, davor liegt Bingen, das Ziel des Hildegardpilgerwanderweges. Ich drehe mich nach Südwesten und versuche die Berge, um Idar-Oberstein auszumachen, doch den Start der Tour kann ich nur ungefähr orten. Ich bin nun etwa in der Mitte, und es stellt sich ein befriedigendes Gefühl ein, über die bisher gewanderte Strecke. Nur im Gehen kann man eine Landschaft in dem ureigen menschlichen Tempo aufnehmen.

 

An einer Bank treffe ich ein belgisches Paar, das ebenfalls auf dieser Etappenwanderung pilgert und ganz erstaunt ist, dass auf diesem eindrucksvollen Weg nur so wenige wandern. Nach einem kurzen Plausch verabschiede ich mich, habe sie leider im Verlauf nicht mehr getroffen.

 


Der Ort Duchroth wird zu Recht von Zeit zu Zeit zum schönsten Dorf gekürt. Man wird an wunderbaren Gärten vorbeigeführt, die Blumen vor den Häusern machen das Leben bunt, alles sieht liebevoll renoviert aus, der ganze Ort sprüht förmlich über – vor südländischer Idylle.

 



Nochmal durch Weinberge hinab nach Oberhausen an der Nahe und dann geht es über die Luitpoldbrücke, ein bayrisches Vermächtnis, auf die andere Seite.  Ein Stück muss man die Landstraße entlang, an der Hermannshöhle vorbei, bevor es erneut steil durch die Weinberge ansteigt. Inzwischen sticht die Sonne wieder vom Himmel, der Schweiß rinnt wie gehabt. Unterhalb der fast schwarzen Felsen, über dem hier wiederum engen Nahetal, geht es nach Schloßböckelheim, zuerst nach oben zur Ruine in dem oberen Ortsteil, dann über Treppen und schmale Fußwege hinab zum unteren Dorf. Den Schwung kann ich gleich ausnutzen, denn sofort steigt der Weg nochmal für 2 km in Serpentinen an zum Heimberg. Zum ersten Mal werden mir auf dieser Tour die Beine schwer und ich muss den „Automatikmodus“ einschalten. Den Aussichtsturm lass ich deshalb links, nein rechts, liegen und freue mich auf mein Etappenziel Waldböckelheim – unten!

 

Die Infotafel an der evangelischen Kirche auf dem kleinen Hügel werde ich mir erst Morgen ansehen.