Etappe 5                              Waldböckelheim - Stromberg


Morgens spüre ich nichts mehr von den müden Beinen. Ich steige locker die Stufen zur Kirche in Waldböckelheim hoch. Von der Bundesstraße her, habe ich sie bereits so oft gesehen, war aber noch nie dort.

Auf der anderen Seite geht es abwärts, zuerst über einen Wiesenweg, dann durch die letzten Häuser des Ortes. Nach der neuen Brücke über die Bundesstraße steigt der Weg an, auf die Höhen des Hunsrücks. Bald bleiben die Weinberge hinter mir zurück und ich wandere an Feldern und Wiesen vorbei. Ein Hundespaziergänger schwärmt von diesem beschaulichen Landstrich und den fantastischen Wanderwegen. Er biegt ab in eine andere Richtung, wird mich später auf einer Landstraße nochmal hupend und winkend mit dem Auto überholen. Einheimische, denen ich begegne, sind stolz darauf Teil des Hildegardpilgerwanderweges zu sein.

Ich folge einem Wiesenweg nach unten und laufe über die Ortsstraße durch Burgsponheim, ein Schild weist den Weg zur Burgruine. In dieser Region lebte Hildegard wahrscheinlich 4 Jahre lang vor ihrem Eintritt ins Kloster Disibodenberg zusammen mit Jutta von Sponheim. Aus Burgsponheim heraus, sehe ich bereits von weitem die beeindruckende Klosterkirche von Sponheim, sie stammt tatsächlich noch aus der Zeit der Hildegard. Neben der Kirche ist ein neues Labyrinth angelegt.

 



Durch einen Wald gelange ich nach Braunweiler, komme nun an vielen Wegkreuzen vorbei, eindeutig ein Zeichen, dass dies ein katholischer Landstrich ist. Felder, Wiesen und Wald wechseln sich ab, weite Blicke in die Ferne. Und natürlich, wieder ganz allein unterwegs. Ich fühle mich richtig gut und sicher in meinem Wanderrhythmus. Ein Freiheitsgefühl macht sich in mir breit. Ein Freiheitsgefühl, das ich in dieser ausgeprägten Form, nur beim Alleine-Wandern empfinde.

 

Nach einem Abstieg hinunter zum Ort Dalberg, bitte ich eine Frau um Leitungswasser. Die Dörfer durch die ich komme, haben weder Einkaufsmöglichkeiten noch eine um diese Zeit geöffnete Gastronomie. Durch dichten Wald steige ich auf, vorbei an der Ruine Dalberg und nutze eine Bank im schattigen Wald zur Rast. Auf der Höhe, mit wieder freier Aussicht, sehe ich immer mehr Wolken aufkommen. Es ist Gewitter gemeldet. Von nun an schaue ich immer wieder auf die Wetterapp. Langgezogen pilgere ich durch den Wallfahrtsort Spabrücken. Erneuter Blick auf den Wetterbericht, ich entschließe mich, weiter zu gehen, das Gewitter ist noch nicht in der Nähe. Der Weg führt durch zwei kleine Weiler, jeweils schaue ich mich vorsichtshalber nach Unterstellmöglichkeiten um. Laut App bleibt mir immer noch eine Stunde Zeit, das dürfte bequem reichen für die 3 Kilometer nach Schöneberg. Falls ich nichts anderes finde, gibt es dort zumindest eine Kirche.

Doch kaum 10 Minuten später donnert es und böiger Wind kommt auf, ich stehe mitten im Wald! Zurückgehen? Steht in der Wegbeschreibung nicht etwas von einer Eremitage? Ich laufe also rasch noch ein Stück weiter. Und gerade als es richtig losdonnert, stehe ich vor der kleinen Kapelle, die Tür ist offen und ich flüchtet in den winzigen Raum. Kein wirklich sicheres Gebäude, aber ich vertraue Hildegard, sie hält ihre schützende Hand über mich. Ganz entspannt, lasse ich das Unwetter über mich hinwegziehen, ein Blitz direkt vor der Kapelle lässt mich kurz zusammenzucken. Kleine Äste und Eicheln donnern auf das Dach. Kurz öffne ich die Tür und schaue nach, ob der Blitz irgendwo im Umfeld eingeschlagen hat, ob etwas brennt, bei  der Trockenheit in diesem Sommer. Alles gut!

 


Nach einer guten halben Stunde verzieht sich das Gewitter, es regnet nur noch leicht. Jetzt kommt wenigstens meine Regenjacke auch mal zum Zuge. Durch nasse Wiesenwege, vorbei an Pferdekoppeln geht es die letzten 2 km nach Schöneberg. Beeindruckend in der Kirche die Fotokopie der Madonna von Stalingrad. Sie symbolisiert die Hoffnung. Ich fühle mich angesprochen.

Draußen am Gemeindehaus finde ich einen Trinkbrunnen. Den hätte ich mir öfter an den heißen Tagen der Tour gewünscht. Nach den letzten Häusern wandere ich weiter bergan in Richtung Wald. Jetzt, nach der Abkühlung durch das Gewitter, geht es bis nach Stromberg durch dichten, schattenspendenden Wald! Durch die Freizeitanlage Schindeldorf, über den Golfplatz und einen Pfad nach unten. Zum Glück liegen nur kleine Bäume quer, ich krabbele und klettere drunter und drüber und lande ziemlich verschmutzt direkt in der kleinen Altstadt von Stromberg. Ich fühle mich noch erstaunlich fit für 30 km, aber es reicht trotzdem für heute. Morgen ist auch noch ein Tag. Es wird sowieso für mich eine relativ kurze und zudem noch bekannte Strecke. Trotzdem freue ich mich jetzt bereits darauf.