Etappe 6   Stromberg - Bingen


Heimatstrecke – Stallgeruch. Aber nichts zieht mich, ich spaziere entspannt durch den Binger Wald. Will ich das Ende hinauszögern?

 

Beim Start in Stromberg führe ich den inzwischen obligatorischen Schlenker in die Touristinformation durch. Die Mitarbeiterin zeigt Interesse an meiner Erfahrungen auf der Tour, wirbt doch Stromberg mit den vielen Wanderwegen um Touristen. Dann wandere ich am Bach entlang hinauf, mit einer kleinen Kraxeleinlage an Baufahrzeugen entlang, direkt am Wegabbruch, die die ganze Wanderstrecke zugestellt haben. Auf der Höhe bei Warmsroth angekommen, vergleiche ich in Gedanken die vertrockneten Wiesen und abgeernteten Felder mit der Erinnerung von der Wanderung im März. Beides eher Monate des Umbruchs im natürlichen Jahresverlauf. Ich komme an der Stelle vorbei, an der die Entscheidung gefallen ist, den ganzen Hildegardpilgerwanderweg zu wandern, raste nach einem Waldstück an der gleichen Stelle. Und trotzdem ist nun alles anders, die Natur, das Wetter, meine zufriedene Stimmung über die bisher 130 km und die Eindrücke der letzten Tage, die nun hinter mir liegen.

 


An der Steckeschlääferklamm treffe ich auf eine Gruppe junger Frauen, die mit viel Hallo und Stöhnen durch den Wald spazieren. In der Waldgaststätte Forsthaus Jägerhaus begegne ich ihnen noch einmal. Sie wirken ziemlich platt und merklich ruhiger, von Muskelkater redend. Wie könnte man solche Frauen zum Wandern begeistern? Ihnen anschaulich darstellen, dass es Spaß macht, mehrere Tage hintereinander zu gehen, nur wandern, essen, trinken, schlafen? Das diese angenehme Monotonie einfach gut tut, besser als jeder teure Wellnessurlaub.

 


Ich schlendere durch das Morgenbachtal, am Schweizerhaus vorbei, an der Hangkante entlang bis zum Damianskopf - meine Hausstrecke kenne ich in- und auswendig, und gehe sie doch immer wieder gerne. Auf der Bank sitzend mit Blick auf Bingen und den Großen Strom, lasse die letzten Tage Revue passieren. Ein wohliges Gefühl, zufrieden, entspannt, ein bisschen Stolz und dankbar, dass Hildegard von Bingen mit ihrem Leben den Anlass für diesen Weg geschaffen hat. Die Fülle an Informationen, die wieder mein Interesse an ihrer Person und das mittelalterliche Leben der Frauen geweckt haben, dass alles so geklappt hat, wie ich es mir vorgestellt habe, nichts passiert ist. Dafür nehme ich am Ende, in Bingerbrück die Hildegardstatue vor der Hildegardgedächtniskirche kurz in den Arm. Grüße sie mit einem Namasté und bin mir sicher, dass sie diese buddhistischen Grußformel gerne selbst benutzt hätte.

 


Ich besuche noch das Museum am Kulturufer (www.bingen.de), mit einer umfangreichen Hildegard Abteilung. Bekomme noch einen Pilgerstempel und höre, dass doch immer wieder einmal Pilgerwanderer herein schauen.

 

Im Prinzip ist der Hildegardpilgerwanderweg zu Ende, und doch nicht ganz. Morgen geht es noch zur letzten Tafel auf den Rochusberg. Am Nachmittag werde ich mit der Fähre übersetzen, und zum zweiten von Hildegard gegründeten Kloster in Eibingen spazieren.